Wie wirken sich Sozialabbau und Kürzungen ganz konkret auf das Leben der Menschen aus? Darüber haben sich auf Einladung der Bochumer Bundestagsabgeordneten Cansın Köktürk Menschen aus unterschiedlichen sozialen und gesundheitlichen Bereichen bei ihrer solidarischen Stadtversammlung in ihrem Wahlkreisbüro in Bochum ausgetauscht.
Anlass für die Veranstaltung am vergangenen Mittwoch waren mehr als 100 Zuschriften, die Köktürk in den vergangenen Wochen aus Bochum erreicht hatten. Darin schilderten Menschen ihre Sorgen angesichts geplanter Kürzungen und berichteten von den Folgen für ihre Gesundheitsversorgung, ihre Arbeit und ihren Alltag. Zur Stadtversammlung waren Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen eingeladen. Unter den Teilnehmenden waren unter anderem Psychotherapeut:innen, Ärzt:innen, Sozialarbeiter:innen, chronisch kranke Menschen und Studierende vertreten.
Wie konkret sich politische Entscheidungen auf die Versorgung von Menschen auswirken können, schilderte die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. med. Nina Marschall: „Ab dem 1. Januar 2027 kann ich mit meinem halben Kassensitz in Herne rund ein Drittel weniger gesetzlich versicherte Patient:innen voll vergütet behandeln als bisher. Für mich bedeutet das am Ende auch, entscheiden zu müssen: Wer braucht die Behandlung am dringendsten und wer schafft es vielleicht irgendwie ohne? Menschen mit mehr Geld und Ressourcen können sich im Zweifel noch anderweitig Hilfe suchen. Viele meiner Patient:innen können das nicht. Gerade in Herne behandle ich Menschen, die von Armut betroffen sind und ohnehin schon große Schwierigkeiten haben, einen Therapieplatz zu finden. Wenn Therapeut:innen wegen der unsicheren Vergütung verstärkt Privatpatient:innen aufnehmen, verschärft sich diese Ungleichheit weiter. Am Ende trifft eine schlechtere Versorgung diejenigen am härtesten, die sich keine Alternative leisten können.“
Auch andere Teilnehmende berichteten von überlasteten Strukturen, finanziellen Sorgen und der Angst davor, was weitere Kürzungen für sie selbst oder die Menschen bedeuten würden, mit denen sie täglich arbeiten. So unterschiedlich die persönlichen Erfahrungen waren, wurde im Laufe des Abends immer wieder deutlich, wie eng sie miteinander verbunden sind.
„Mich haben viele der Berichte an diesem Abend tief bewegt. ‚Es gibt keine Räume mehr, die Menschen auffangen‘, hieß es. Gleichzeitig hat mir diese Stadtversammlung gezeigt, was möglich ist, wenn Menschen zusammenkommen, ihre Gemeinsamkeiten erkennen und aus persönlichen Erfahrungen eine gemeinsame politische Frage entsteht. Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen sind zusammengekommen, haben einander zugehört und gemerkt: Wir sind mit unseren Sorgen nicht allein“, erklärt Köktürk. „Ich nehme diese Erfahrungen und Forderungen mit in meine politische Arbeit und in den Bundestag. Und wir werden mit aller Kraft versuchen den Sozialabbau zu stoppen, im Parlament und auf der Straße.“
Die Stadtversammlung sollte deshalb nicht nur Raum für Sorgen und Erfahrungen schaffen, sondern auch Menschen miteinander verbinden. Gemeinsam wurde darüber gesprochen, wie weiterer Sozialabbau verhindert und politischer Druck aufgebaut werden kann. Auch über die Stadtversammlung hinaus gibt es Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen und Unterstützung zu erhalten: Im „Die Linke hilft“-Büro in der Universitätsstraße 39 findet jeden Sonntagvormittag ein Bürger:innen Dialog bei einem solidarischen Frühstück statt. Jeden Donnerstagnachmittag bietet Die Linke Bochum dort außerdem eine Sozialsprechstunde an.
Köktürk abschließend: „Wenn Menschen Angst um ihre Gesundheitsversorgung, ihre soziale Absicherung oder ihre Zukunft haben, dürfen wir sie damit nicht alleinlassen. Wir müssen uns zusammenschließen und gemeinsam dafür kämpfen, dass soziale Sicherheit für alle da ist. Genau das hat dieser Abend gezeigt: Aus vielen einzelnen Sorgen kann Solidarität entstehen. Und aus Solidarität kann die Kraft entstehen, etwas zu verändern.“