Die Antworten der Bundesregierung auf die Schriftlichen Fragen (Nr. 219 und 220) offenbaren ein gravierendes sozialpolitisches Defizit: Während hunderttausende Menschen in Deutschland täglich Angehörige pflegen, fehlt es weiterhin an belastbaren Daten zu ihrer wirtschaftlichen Lage – und an wirksamen Maßnahmen, um sie vor Armut zu schützen.
Die vorgelegten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen lediglich einen Ausschnitt der Realität: Für das Jahr 2025 werden rund 62.400 erwerbsfähige Leistungsberechtigte im SGB II genannt, die aufgrund von Pflegeverantwortung nicht arbeitsuchend gemeldet sind. Doch diese Zahl erfasst nur einen Bruchteil der tatsächlichen pflegenden Angehörigen in Deutschland – und sagt nichts über deren Einkommenssituation, Armutsrisiken oder Verschuldung aus.
Noch deutlicher wird das politische Versagen in den Lücken der Antwort: Die Bundesregierung verfügt über keinerlei Daten dazu, wie viele pflegende Angehörige unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle leben, wie viele auf Leistungen nach dem SGB XII angewiesen sind, oder wie stark Einkommensverluste und Renteneinbußen tatsächlich ausfallen.
Auch auf zentrale Fragen zu Verschuldungsrisiken oder strukturellen Armutsfaktoren lautet die Antwort schlicht: „Liegen nicht vor.“
„Pflegende Angehörige halten dieses System am Laufen, aber politisch existieren sie oft nur als Randnotiz“, erklärt Cansin Köktürk. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, zwischen Pflege, Existenzsorgen und völliger Erschöpfung zu stehen. Diese Arbeit ist unsichtbar und genau so wird sie auch behandelt. Wer pflegt, wird viel zu oft allein gelassen. Das ist kein Randproblem – das ist das Eingeständnis politischer Untätigkeit.“
Zwar verweist die Bundesregierung auf bestehende Leistungen wie Pflegegeld, Rentenbeiträge oder steuerliche Entlastungen. Doch diese Aufzählung ersetzt keine ehrliche Analyse – und vor allem keine ausreichende Absicherung.
„Wer Angehörige pflegt, zahlt oft einen hohen Preis – finanziell, gesundheitlich und sozial. Diese Arbeit passiert im Verborgenen, ohne ausreichende Anerkennung und ohne echte Absicherung“, sagt Cansin Köktürk. „Ich habe selbst erlebt, was es bedeutet, rund um die Uhr Verantwortung zu tragen und gleichzeitig mit existenziellen Sorgen zu kämpfen. Diese unsichtbare Arbeit hält unser Pflegesystem am Laufen und wird trotzdem systematisch ignoriert.“
Die Realität ist: Das Pflegegeld wird häufig direkt für den Lebensunterhalt oder die Versorgung der Pflegebedürftigen benötigt. Rentenbeiträge orientieren sich an fiktiven Einkommen, die mit der tatsächlichen finanziellen Belastung wenig zu tun haben. Und zinslose Darlehen bedeuten nichts anderes als: Schulden statt Unterstützung.
Viele pflegende Angehörige reduzieren ihre Arbeitszeit oder geben ihren Beruf ganz auf – mit direkten Folgen für Einkommen, soziale Absicherung und spätere Rentenansprüche. Dass die Bundesregierung nicht einmal systematisch erfasst, welche finanziellen Risiken daraus entstehen, ist ein politisches Armutszeugnis.
Es entsteht der Eindruck, dass ein System, das massiv auf informeller Pflege basiert, bewusst darauf verzichtet, die sozialen Kosten dieser Arbeit sichtbar zu machen.
Pflegende Angehörige werden nicht nur überlastet – sie werden strukturell benachteiligt.
Und sie werden mit Maßnahmen abgespeist, die vorne und hinten nicht reichen.
„Deutschland kann es sich nicht länger leisten, diese Realität zu ignorieren. Es braucht endlich: eine umfassende Datenerhebung zur sozialen Lage pflegender Angehöriger, eine realistische Bewertung von Armutsrisiken, und konkrete finanzielle Verbesserungen, die diesen Namen auch verdienen“, so Köktürk weiter.
Denn eines ist klar: Pflegende Angehörige sind das Rückgrat der Versorgung in Deutschland. Es ist ein gesellschaftlicher Skandal, dass genau diese Menschen einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt sind. Wer pflegt, darf nicht verarmen. Alles andere ist politisches Versagen.