Der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigt erneut: Die soziale Ungleichheit in Deutschland bleibt auf hohem Niveau – und sie nimmt weiter zu. Zwischen 15 und 18 Prozent der Bevölkerung gelten als armutsgefährdet, während sich Vermögen und Einkommen zunehmend in den oberen Schichten konzentrieren. Gleichzeitig gerät die Mittelschicht weiter unter Druck.
Besonders alarmierend ist, dass 17,6 Prozent der Menschen auf grundlegende Bedürfnisse wie angemessenes Wohnen, gesunde Ernährung oder gesellschaftliche Teilhabe verzichten müssen. Armut ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Selbst Erwerbstätigkeit schützt immer seltener davor.
Die Ursachen sind bekannt: steigende Wohnkosten, niedrige Einkommen und unsichere Beschäftigungsverhältnisse. Besonders betroffen sind Kinder, Alleinerziehende, Geringverdienende sowie Menschen mit Migrationsgeschichte, die zusätzlich strukturelle Benachteiligung und Diskriminierung erfahren.
Doch genau hier liegt das zentrale Problem dieses Berichts: Er beschreibt, aber er handelt nicht.
„Dieser Bericht ist ein Paradebeispiel für politische Halbherzigkeit: Die Probleme werden detailliert analysiert, aber die Konsequenzen bleiben aus“, erklärt Cansın Köktürk. „Es reicht nicht, soziale Ungleichheit Jahr für Jahr zu dokumentieren. Wenn daraus keine klaren politischen Maßnahmen folgen, wird Armut faktisch verwaltet statt bekämpft. Wer nur beschreibt, aber nicht handelt, trägt Mitverantwortung dafür, dass sich die Spaltung weiter vertieft.“
Zentrale strukturelle Ursachen wie Vermögenskonzentration, eine ungleiche Steuerpolitik sowie diskriminierende Strukturen werden im Bericht nicht ausreichend politisch eingeordnet. Statt klare Schlussfolgerungen und konkrete Reformvorschläge zu formulieren, bleibt die Bundesregierung auffallend zurückhaltend.
Das Ergebnis: Eine umfassende Analyse ohne den notwendigen politischen Willen zur Veränderung. Der Armuts- und Reichtumsbericht liefert Daten, aber keine Antworten. Ohne konkrete politische Konsequenzen bleibt er ein Dokument der Beschreibung, nicht der Lösung.
„Wenn die Regierung weiß, dass Menschen von Armut betroffen – und trotzdem nichts tut – dann ist das kein Versäumnis, sondern System: Sozialabbau mit Ansage. Das ist politisches Wegsehen und Versagen.“, so Köktürk weiter. „Analysen allein retten niemanden: Es ist Zeit für entschlossenes Handeln gegen soziale Ungleichheit.“