Im Plenarsaal stehen die Stühle ordentlich, doch die Worte sind dreckig. Über Familiennachzug wird nicht als Recht gesprochen, sondern als Risiko. Die SPD stimmt mit der CDU dagegen – gegen Kinder, gegen Familien, gegen das Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Hier aber wird sie verhandelbar, teilbar, abgestimmt. Die CDU hat längst aufgehört, sich zu verstecken. Sie übernimmt offen die Sprache der AfD: Mit Ängsten spielen, Misstrauen und Abwertung. Migration ist keine menschliche Realität mehr, sondern Bedrohung. Armut wird zur Schuldfrage, Menschen zu Sicherheitsrisiken. Merz und sein Kanzleramt – das Symbol kalter, herzloser, frauenfeindlicher Macht.
Ihre Worte sind Waffen: „Leistung“ als Maßstab, Menschlichkeit als Schwäche. Sie predigen „Ordnung“ und „Sicherheit“, während sie systematisch zerstören, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Diese Normalität ist ein Albtraum: Menschenwürde wird ignoriert, Geflüchtete entmenschlicht, Armut als individuelles Versagen abgestempelt, Solidarität als Naivität verteufelt. Das ist keine Normalität – das ist Unmenschlichkeit. Ich höre, wie andere Abgeordnete „Sachlichkeit“ in der Debatte fordern – aber wie sachlich kann man bleiben, wenn es um Leben geht?
Oben im Plenum sitzen Schülergruppen, stille Zeugen dieses Schauspiels. Ich will mich zu ihnen setzen, ihre Stimmen hören. Doch ich sehe nur Enttäuschung in ihren Augen, wenn sie erkennen, dass die Erwachsenen ihre eigenen Worte verraten. Ich möchte ihnen sagen: Lasst euch nicht einreden, ihr müsst euch schämen, wenn ihr neu anfangt. Die hier im Saal sollten sich schämen, weil sie mit eurer Zukunft spielen.
Ich spüre, wie meine Kraft ins Leere läuft, immer wieder die fehlende Menschlichkeit dieser und vergangener Regierungen zu benennen. Sie fehlt ihnen. Das steht nun fest. Deshalb will ich den Blick auf Alternativen lenken. Politik ist nicht nur ein Mandat, sondern Haltung. Links sein heißt mehr als Parteiprogramme: Es heißt, Menschlichkeit über Kalkül zu stellen. Laut sein, unbequem sein, Haltung zeigen, wenn andere wegsehen. Wenn Menschenwürde zur Nebensache wird, ist alles andere Show und ich will keine Bühne. Ich bin hier, um Türen zu öffnen für die, die keine Stimme haben. Für eine Haltung, die sich nicht an Umfragen orientiert, sondern an der Würde des Menschen.
Ich sehe tiefe Risse: zwischen Menschlichkeit und Gleichgültigkeit. Ich merke, dass diese Risse auch etwas mit mir machen. Ich weiß aber auch, gegen diese Gleichgültigkeit müssen wir unbequem werden, nicht gegeneinander, sondern als Menschen, die verstehen, dass wir aufeinander angewiesen sind. Ohne uns gegenseitig zu verurteilen. Es geht nicht darum, wer am meisten leidet oder am längsten kämpft, sondern dass jemand kämpft. Diese unmenschlichen Regierungen überall auf der Welt leben von Spaltung, Zynismus und Müdigkeit. Sie wollen, dass wir uns misstrauen, gegeneinander hetzen und das Menschliche verlieren. Doch das dürfen wir nicht zulassen.
Niemand kann jeden Kampf führen. Niemand kann bei jeder Demo dabei sein. Aber wir können aufhören, den Schmerz anderer zu ignorieren, nur weil er nicht unser eigener ist. Wir leben in Systemen, die uns einreden: „Du kannst nichts tun.“ Aber das stimmt nicht. Du kannst fühlen. Du kannst Mensch bleiben. Dich nicht korrumpieren lassen – nicht vom Hass, nicht von der Lüge, dass dein Herz keine Rolle spielt. Es reicht nicht mehr, nur gegen etwas zu sein. Wir müssen für das Leben kämpfen. Für das Menschsein. Unsere Antwort auf Unmenschlichkeit ist nicht Anpassung, sondern Menschsein als radikale Praxis. Mitgefühl als Widerstand. Zusammenhalt als Zukunftsstrategie.
Nach den Sitzungswochen bleibt eine bittere Erkenntnis: Menschlichkeit ist heute ein Akt des Widerstands. Wer fühlt, wo andere kalt bleiben; wer handelt, wo Worte verhallen; wer verzeiht, wo Hass erwartet wird – der durchbricht das System. Er reißt die Maske nieder, er ist der Stein im Getriebe, der unbequeme Funke im Dunkel. Und gerade darin liegt unsere einzige Hoffnung.